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Zum Tag des Lokaljournalismus erklärt Landtagsabgeordneter Johannes Becher, warum die Lokalzeitung so wichtig ist – und welchen Artikel er speziell in Erinnerung behält.

Moosburg – Der Landtagsabgeordnete Johannes Becher hat viele Jahre einen Zeitungsartikel aufbewahrt. Erschienen ist dieser am 9. Juli 2008 und bildete einen Tag ab, an den sich der damals frisch in den Stadtrat gewählte Johannes Becher bis heute immer wieder erinnert (siehe Infobox und Screenshot am Textende). Und er ist ein Ankerpunkt in Bechers Vergangenheit zum Thema Lokaljournalismus. Darüber hat er mit dem FT gesprochen – anlässlich des Tag des Lokaljournalismus, den unsere Zeitung am 5. Mai feiert.

Zum Tag des Lokaljournalismus: Landtagsabgeordneter Johannes Becher im Interview

Herr Becher, wieso war Ihnen dieser Zeitungsartikel damals so wichtig?

Ich habe an diesem Tag wahnsinnig viel gelernt. Der Artikel war deswegen besonders, weil auch die Berichterstattung über das Thema dazu geführt hat, dass man heute anders vorgeht. Dass man mehr miteinander spricht und versucht, gemeinsam Lösungen zu finden, mit denen alle leben können. Das haben heute viele verstanden – und dafür ist es wichtig, über solche Dinge zu berichten.

Dank der neuen Medien ist ein Blick in die Welt genauso einfach möglich, wie der vor die eigene Haustür. Wieso ist Lokaljournalismus dennoch wichtig?

Ich habe oft das Gefühl, die Menschen beschäftigten sich mehr mit dem, was woanders passiert. Dabei haben wir die Entwicklungen in der Welt oft nicht in der Hand. Vor Ort ist das anders, da können wir Einfluss nehmen. Um das Leben dort jedoch gestalten zu können, müssen die Menschen erst einmal wissen, was läuft. Nur so kann man Dinge kritisch hinterfragen und nach neuen, vielleicht besseren Lösungsansätzen suchen. Dafür ist Lokaljournalismus unbandig wichtig. Auch, um zu überprüfen, ob das, was in Stadtrats- und Gemeinderatsgremien beschlossen wird, der Wille der Mehrheit der Bevölkerung ist. Die lokale Zeitung ermöglicht es, Meinungen und Ideen der Kommunalpolitik mit der Bevölkerung zu diskutieren.

Fallen Ihnen spontan konkrete Beispiele dafür ein, wo die Lokalzeitung den Unterschied macht und Positives bewirkt?

Da kann man täglich Beispiele finden, wenn man die Zeitung aufschlägt. Und das geht weit über den politischen Bereich hinaus. Die Zeitung gibt den Menschen eine Stimme, die sonst nicht oder nicht von so vielen gehört würden. Wie etwa jede Bürgerinitiative oder die vielen tollen sozialen Projekte, die auf Spenden oder Mithilfe der Bürgerschaft angewiesen sind. Die Zeitung öffnet einen Raum für Diskussion auf Augenhöhe. Hier hat jeder die Möglichkeit, seine Auffassung zu äußern, und das ist sehr wertvoll. Lokaljournalismus hat auch eine große, wichtige Netzwerkfunktion. Du liest etwas, das du interessant findest, und meldest dich, um das zu unterstützen. Daraus entwickeln sich große Dinge, und der erste Schritt dorthin war, dass die Menschen etwas in der Zeitung gelesen haben, das sie spannend fanden.

Haben Sie die Erfahrung auch bei Ihren sozialen Projekten gemacht? Stichwort Tante Emma, Onkel Anton oder Bruder Jakob?

Absolut. Wir haben viele Ehrenamtliche benötigt, die mit uns all das gemeinsam stemmen. Und wie erreicht man diese Gemeinschaft? Über die lokale Presse, die darüber berichtet. So finden sich Menschen, die sagen: „Da will ich mich engagieren.“ Freilich kann man das alles auch über die sozialen Medien und WhatsApp-Gruppen laufen lassen. Aber es hat eine andere Qualität, wenn eine Person es schreibt, die schreiben kann – und, noch wichtiger, die die Informationen prüft, bevor sie diese weiterverbreitet. Diese Form von Qualität hat nicht nur ihren Preis, sondern auch einen großen Wert.

Hand aufs Herz: Werden Debatten in einem Stadtrats- oder Kreistagsgremium anders geführt, wenn die Presse nicht dabei ist?

Wir erleben das im Bezirk Oberbayern: Der hat ein riesiges Finanzvolumen und entscheidet über wichtige Themen. Doch weil die Sitzungen nicht von Journalisten begleitet werden, weiß die Bevölkerung oft gar nicht, dass es ihn gibt, und was da entschieden wird. So werden Entscheidungen aber auch nicht hinterfragt. Berichterstattung bedeutet auch Teilhabe. In der Gemeindeordnung ist ja ganz bewusst der Grundsatz der öffentlichen Sitzung verankert, damit die Öffentlichkeit informiert ist und auch Rückmeldung geben kann. Das funktioniert aber effektiv nur, wenn über eine Entscheidung und die Diskussion öffentlich in der Presse berichtet wird. Ihr habt da eine Wächterfunktion.

Die freie Presse als Korrektiv also: Was würde sich ändern, wenn sich der Lokaljournalismus zurückziehen würde?

Es besteht zum einen das Risiko, dass die Bevölkerung nicht mehr wirklich weiß, was eigentlich politisch läuft, und welche Argumente für gewisse Themen vorgebracht werden. Zum anderen tut man sich in der Folge schwer, später eine Wahlentscheidung zu treffen. Damit wird es zum demokratischen Problem. Wenn ich nur noch das glauben kann, was in Werbeprospekten steht, aber nicht die Möglichkeit habe, sechs Jahre mitzuverfolgen, wer für was steht, wer sich engagiert und wer nicht. Das schwächt die Informationsgrundlage, um eine fundierte Wahlentscheidung zu treffen. Der Lokaljournalismus hat eine demokratische Funktion.

Haben Sie eine Botschaft für alle, die denken, es braucht keine Nachrichten aus der Region?

Abonniert‘s a Zeitung. Wenn man finanziell die Möglichkeit dazu hat, sollte man das tun. Journalismus muss am Ende immer bezahlt werden. Am besten kann man das unterstützen, indem man ein Abo abschließt. Das kann auch digital sein als E-Paper. Die Erwartung vieler ist: „Ich möchte die besten Informationen, und das schnell und umsonst.“ Das ist eine Erwartung, die jedoch auf Dauer nicht erfüllbar sein wird.

Eine denkwürdige Sitzung

Denkwürdig sei sie gewesen, die Situation, in der sich Johannes Becher 2008 als frischgewählter Stadtrat Moosburgs wiederfand. Und deshalb kann sich der Landtagsabgeordnete auch noch gut daran erinnern. Im Vorgriff auf die konstituierende Sitzung damals habe er einen Anruf erhalten, in dem altgediente Stadträte dem damals blutjungen Becher einen „Kuhhandel“, wie er es damals nannte, vorgeschlagen hatten. Entweder Becher, der damals als Jugendreferent der Stadt Moosburg gehandelt wurde, sollte für einen anderen Referentenposten einen Kandidaten unterstützen, „den ich nie unterstützt hätte“. Im Gegenzug, so der vorgeschlagene Deal, würde die CSU keinen GegenkandidatenBechers für den Posten des Jugendreferenten ins Rennen schicken. Und schon damals sagte der frischgewählte Stadtrat: „Es gibt Dinge, die stehen über meinem Ehrgeiz, einen Posten auszufüllen – nämlich meine Prinzipien und meine Ehrlichkeit.“ Becher sagte damals Nein zu dieser Mauschelei – und wurde trotzdem, demokratisch gewählt, Jugendreferent der Stadt Moosburg. Dass das FT den kompletten Vorgang abgebildet hatte, habe Becher schon damals gezeigt, wie wichtig Reporter vor Ort seien. Andernfalls wäre nämlich dieser Kuhhandel nie an die breite Öffentlichkeit gelangt.